Marktsituation zum Brexit vom 17.06.2016 bis zum 24.06.2016

Am 24. Juni 2016 kam es zu einem folgenschweren Votum in Großbritannien, der sogenannten Brexit-Abstimmung. Die Verkündung des Ergebnisses am Freitag, dem 24. Juni 2016, sorgte an den Börsen weltweit für extreme Kursturbulenzen. Der DAX schloss an diesem Tag bei einem Kursverlust von -6,82%, während der Fonds Mandelbrot Market Neutral Germany (MMNG) am gleichen Tag mit über +2,24% zulegen konnte. Damit bestätigt sich in einer Crash-Situation, was auch im Jahresverlauf mehrmals sichtbar war, dass dieser marktneutrale Ansatz derzeit eine Art Krisenpuffer darstellt und sich beruhigend auf das Depot auswirken kann.

Die Entwicklung hin zur Brexit-Abstimmung im Wochenverlauf stellen wir in der nachfolgenden Passage dar:

Die Ausgangslage

In der Woche vor der Brexit-Abstimmung lag der DAX Performance-Index mit 9631,36 Punkten am Freitag, dem 17.6., deutlich unter dem Allzeithoch von 12374,70 (-22,17 %). Die Momentum-Liste von diesem Tag zeigt eine Zweiteilung des Marktes in Aktien mit positivem Trend (sortiert nach Momentum zur im Fonds verwendeten Skala):

  • Infineon Technologies
  • adidas
  • SAP
  • Fresenius
  • Deutsche Boerse
  • ProSiebenSat.1 Media
  • Vonovia
  • Beiersdorf
  • Fresenius Medical Care
  • Deutsche Lufthansa
  • Continental
  • Deutsche Telekom

sowie die „Verlierer“-Aktien mit negativem Trend:

  • Muenchener Rueckvers.-Ges.
  • HeidelbergCement
  • Siemens
  • Henkel AG & Co.
  • Deutsche Post
  • Merck
  • ThyssenKrupp
  • E.ON
  • BASF
  • Linde
  • Bayer
  • Daimler
  • BMW
  • RWE
  • Commerzbank
  • Volkswagen
  • Deutsche Bank

Da die Bilanzkennzahlen sich nur einmal im Jahr ändern und auch die Schätzungen der Analysten sich nur „langsam“ verändern, kann man von diesen Titeln unten in der Momentum-Liste auch von „Value“-Titeln sprechen, da diese insgesamt optisch – also auf Basis der bekannten Kennziffern wie Kurs-Buchwert-Verhältnis und Kurs-Gewinn-Verhältnis – nach größeren Kursverlusten als „billig“ gelten.

Betrachtet man die Liste der Unternehmen, dann haben viele dieser „Verlierer“-Unternehmen auch schwierige Aufgaben vor sich, so dass man hier von höheren Risiken ausgehen kann. Das ist konsistent mit der Literatur, die die Überrenditen des „Value“-Effektes mit höheren Risiken der Unternehmen in Verbindung bringt.

Wie wird nun dieser spezielle Crash ausgelöst?

Am Wochenende vor dem Brexit-Votum wird die EU-freundliche Politikerin Jo Cox ermordet. Die ersten Meinungsumfragen nach dieser Tat suggerieren, dass die Mehrheit der Briten in der EU verbleiben wollen. In Folge dieser Nachricht kommt es an den nachfolgenden Tagen an der Börse zu signifikanten Erhohlungen – allein am Montag steht beim DAX ein Kursplus von +3,43% zu Buche. Wie auch zuvor in diesem und im letzten Jahr nach großen Abschwüngen, bevorzugen die Investoren insbesondere nun „Value“-Titel (also insbesondere Titel, die in der Momentum-Liste ganz unten stehen), weil sie hoffen, möglichst „billig“ diese Aktien erwerben zu können. Im Verlauf der Woche werden immer wieder gleichlaufende Meldungen veröffentlicht, in der der „Markt“ von einem Verbleib der Briten in der EU ausgeht. Höhepunkt bildet die Nachricht, dass die englischen Buchmacher die Wahrscheinlichkeit eines „Remain“-Votums auf 84% einschätzen. Allein diese Nachricht gibt am Tag der Brexit-Wahlen nochmals einen Kursschub von ca. 1% im DAX.

Und dann kommt die absolute Überraschung: Die Wähler haben am Donnerstag für den Brexit gestimmt. Die EU, die Briten aber auch die Märkte sind komplett auf dem falschen Fuss erwischt worden – es hätte keiner für möglich gehalten. Folgerichtig eröffnet der DAX mit einem Punktstand von 9.311,78 Punkten (-9,77%) und schließt am Ende des Tages mit -6,82%.

Interessant hierbei ist, wer überproportional verliert (also mehr als -6,82% Verlust als der DAX hat):

  • Deutsche Bank (-14,13%)
  • Commerzbank (-12,99%)
  • ThyssenKrupp (-12,39%)
  • Allianz (-10,39%)
  • Volkswagen (-10%)
  • RWE (-9,42%)
  • Deutsche Börse (-9,26%)

und so weiter…

Mit einer Ausnahme, der Deutschen Börse, kommen die überrorportionalen Verlierer and diesem Tag von dem unteren Abschnitt der Momentum-Liste. Das heisst, diese Titel hatten schon vorher Schwierigkeiten, die Aktionäre zu überzeugen. Besonders trifft dieses auf die Versorger und Bankenwerte aber auch auf VW zu. Sicherlich kann man argumentieren, dass die Finanzwerte überproportional vom Brexit betroffen wären, ebenso die Autobauer. Sieht man sich allerdings die Länge der Abwärtstrends an, dann sprechen diese eine andere Sprache:

  • Deutsche Bank: Abwärtstrend über 315 Börsentage mit einem Verlust von -59,74%
  • Commerzbank: Abwärtstrend über 315 Börsentage mit einem Verlust von -53,34%
  • E.On: Abwärtstrend über 517 Börsentage mit einem Verlust von -44,64%
  • RWE: Abwärtstrend über 517 Börsentage mit einem Verlust von -61,93%
  • Volkswagen: Abwärtstrend über 335 Börsentage mit einem Verlust von -55,23%
  • Daimler: Abwärtstrend über 355 Börsentage mit einem Verlust von-42,52%
  • BMW: Abwärtstrend über 355 Börsentage mit einem Verlust von -44%

Was hier besonders auffällt ist, dass diese Branchen auf den Tag genau identische Trendlängen haben,  so dass man hier von einem Branchen-Ereignis und damit einem konjunkturellem Einfluss sprechen kann. Das ist konsistent mit der Literatur, die dem Momentum-Effekt einen fundamentalen Ursprung unterstellt.

In diesem Sinne ist es auch nicht verwunderlich, dass die Momentum-Werte oben aus der Momentum-Liste unterproportional im Vergleich verlieren und durch die gegenläufige Short-Position auf den DAX so den bis dato größten Tages-Gewinn im marktneutralen Fonds generieren.

War das nun alles überraschend?

Sieht man sich die Umfrageergebnisse (Quelle whatukthinks.org) im Zeitverlauf an, so kann man sich eigentlich nur wundern, warum der Brexit eine Überraschung darstellt und den Markt kalt erwischt hat. Sieht man sich die Grafik genau an,

WhatUKThinks_Poll_1556_20160625

dann sind die Schwankungen im Zeitverlauf so hoch, dass man eigentlich von keinem „wahrscheinlichen Ausgang“ sprechen kann. Anders gesagt ist die Unsicherheit in den Umfrageergebnissen, auch vor dem Hintergrund der unentschlossenen Wähler, so hoch, dass man keine Schlüsse hätte ziehen sollen. Und auch die Nachricht über die Buchmacher-Quoten hätten mit Vorsicht genossen werden sollen, da diese durchaus dadurch bestimmt werden, wieviel Geld insgesamt für oder gegen den Brexit gewettet wurde, aber nicht wieviel Personen für oder dagegen gewettet haben (siehe auch  Waren die Wetten manipuliert? oder Warum die Buchmacher so falsch lagen).

Fazit

„Der Markt hat immer recht“ aber auch „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Letztendlich haben sich „nur“ die Erholungsbewegungen seit Anfang letzter Woche an einem einzelnen Tag korrigiert. Eigentlich ist an der Börse derzeit alles beim Alten. Das spiegelt sich auch bei dem Statement des IWFs wieder (siehe IWF-Chefin Lagarde: Märkte haben Brexit-Votum „erheblich unterschätzt“). Aber eines hat sich dramatisch geändert: Dieser mögliche Austritt, der noch nicht faktisch beschlossen ist und erst einmal auch nur per Volksabstimmung eine Empfehlung darstellt, kann einen Zerfall von Großbritannien und der EU provozieren. Sollte die Politik dieser Empfehlung folgen, dann müssten auch die Austrittsmodalitäten erst noch verhandelt werden. All dies – je nach Szenario – lässt großen Raum für Unsicherheit. Und Unsicherheit ist bekanntlich Gift für die Börse…